Alpenwasserspeicher 2026: 5,5 % Eis, 2,2 km³ talwärts
SCNAT und GLAMOS dokumentieren 5,5 % Gletscherverlust 2026 – der zweithöchste seit 2022. Was 2,2 km³ Schmelzwasser für Wasserkraft und Alpenprojekte bedeutet.
Die Schweiz führt eine der längsten und genauesten Eis-Bilanzen der Welt. Nach der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften (SCNAT) und dem GLAMOS-Messnetz verloren Schweizer Gletscher im hydrologischen Jahr bis 30. September 2026 5,5 % ihres Volumens. Das ist der zweithöchste Verlust seit Messbeginn, nach knapp 6 % im Jahr 2022. Seit 2021 sind bald 20 % des Eises weg.
Lies es als Bilanz, nicht als Katastrophen-Szenario. Die Alpen sind ein Wasserspeicher. Zwischen Juli und September gaben die Gletscher etwa 2.200 Milliarden Liter ab – rund 2,2 km³. Nach dem Bericht ist das mehr als das Vierfache des jährlichen Trinkwasserverbrauchs von Schweizer Haushalten. Das Wasser floss in Flüsse und Speicherseen, die die Turbinen speisen. Eine kurzfristige Rendite – aus dem Kapitalstock.
Wer führt die Bilanz
GLAMOS wird gemeinsam von ETH Zürich, der Universität Freiburg und der Universität Zürich betrieben. Es beobachtet etwa 20 Gletscher im Detail: Messäbe im Eis, Höhenmodelle, Satellitenübergänge. Hinter der Zahl steckt Feldarbeit. Teams schleppen Bohrer über Moränen im Herbst, lesen die Marken, graben Schneegruben. Ohne ihre Daten: 5,5 % ist Schätzung. Damit: ein Fehlerbereich zum Planen.
Dieses Jahr kam das Eis von zwei Seiten unter Druck. Der Winter 2025–26 war unter den zehn schneeärmsten seit Messbeginn; die Schneedecke blieb dünn. Dann, per SCNAT-Bericht, lag die Nullgradgrenze 76 Tage über 4.000 m. Mehr als das Doppelte des Mittels – Schweizer Rekord. Der Gletscherverlust-Tag, wenn die Winterschnees vollständig tauten, war der 29. Juni. Mittlere Eisdicke: minus 2,5 bis 4 m, Zungen bis minus 10 m. Rhône, Aletsch, Clariden, Allalin – alle Rekordschmelze. Zwei kleine Gletscher – Bella Tola im Wallis, Griessfirn in Glarus – sind jetzt für immer weg.
«Gletscher sind in den Alpen und weltweit wichtig, weil sie in Dürreperioden und Hitzewellen Wasser geben – genau wenn wir es brauchen», sagte Matthias Huss, Leiter GLAMOS, gegenüber ABC Australia. Gletscher sind ein Jahres-Puffer, der in den heissesten Wochen des Jahres Wasser freisetzt.
Warum Wasserkraft zählt
Das BFE berichtet, dass Wasserkraft 2025 etwa 58,5 % des Schweizer Stroms machte (Zehn-Jahres-Schnitt). Von 706 Anlagen ab 300 kW, Erwartungsoutput 37.162 GWh pro Jahr. Wallis: 28,1 % der Produktion, Graubünden 21,4 %. Speicherkraftwerke machen etwa die Hälfte der Wasserkraft aus; Gletscherschmelze füllt sie teilweise. Harry Zekollari von der Vrije Universiteit Brussel beschrieb die Kurve für Al Jazeera. Schnelle Schmelze gibt erst mehr Sommerwasser. Wenn das Eis schrumpft, weniger zum Schmelzen übrig. Der Ausgleich: jeder zusätzliche Liter Sommerwasser heute ist Kredit auf einen späteren Sommer.
←HEUTE: 76 Tage Nullgradgrenze über 4.000 m, 2,2 km³ Schmelze in einem Schweizer Sommer. →3012: Alpine Bemessungstabellen tragen ein Datenjahrgangsfeld – das Klima unter ihnen läuft weiter. Angelpunkt: ein Gletscher ist ein Speicher mit Bilanz; die Zahlen zählen nur, weil es jemand aufschreibt.
Aus dem Rückblick aus den späten 2070ern: Die Lektion ist nicht, dass das Eis weg ist. Sondern: Büros planten gegen Messreihen aus der Grosseltern-Epoche. Prüf vor jeder Zahl: Wann begann die Reihe?
Atelier: Dieser Bericht zeigt die Alterung bei zwei Büro-Typen. Teams an Wasserentnahmen, Brücken, Hütten und Liftstationen in Wallis und Graubünden brauchen Sommer-Spitzenabfluss, Sedimentfracht, Zugangszeiten. Wärmepumpen-Energiemodelle brauchen Winter-Stromannahmen. Der Montagsmove: ein Einzeiler Datenjahrgangsfeld zur Designgrundlage; dokumentier den Zeitraum hinter Abfluss-, Regen- und SIA-2028-Klimasatz; flagg Reihen vor 2020 zur Überprüfung.
Hack: Rechne die Schmelze in Energie-Einheiten um, so wird die Zahl greifbar. 2,2 Milliarden Tonnen Eis schmelzen: ihre Fusionswärme. Dieselbe Wassermenge durch einen Wasserkraft-Gefälle: nur die Lageenergie zurück:
m = 2.2e12 # kg: 2.200 Milliarden Liter Schmelzwasser
L, g, h = 334e3, 9.81, 1000 # J/kg Fusionswärme; m/s²; Beispiel 1.000 m Gefälle
print(m*L/3.6e15, "TWh zum Schmelzen") # ~204
print(m*g*h/3.6e15, "TWh Potenzial bei 1.000 m") # ~6Die Lektion: Eis zu schmelzen kostet etwa 34-mal mehr Energie als Wasserkraft je zurückgibt. 6 TWh ist ein theoretisches Maximum, keine Realproduktion; nur Teil der Schmelze erreicht die Turbinen. Ersetze h durch das Gefälle einer Anlage im eigenen Tal.
Heute: öffne dein aktuelles Alpen- oder Energiemodell-Projekt, finde die älteste Klimareihe darin, notier ihr Anfangsjahr neben die Zahl.
PAZ Kaffi · interdisziplinäre Redaktionsarbeit, geleitet von der PAZ Academy