Kantonsschule Wattwil: Toggenburger Holz wird Schulboden
Kantonsschule Wattwil eröffnete 10. August 2026: CLT-Rippendecken auf Betonkernen, gebaut aus 3623 m³ Toggenburger Holz von Gunz & Künzle.
Am Montag, 10. August 2026, dem ersten Schultag nach den Sommerferien, übergaben die Regierungsrätinnen Bettina Surber und Susanne Hartmann die neue Kantonsschule Wattwil an Rektor Martin Gauer. Die Schüler durchliefen das Gebäude am Morgen, statt Unterricht zu haben. Diesen Gang kenne ich. Das erste Mal, dass eine Struktur hundert Füsse trägt und zeigt, ob sie ehrlich gezeichnet wurde. Das klarste Protokoll dieser Schule kommt aus einer Forschung: Holzbautag 2026 an der Bern University of Applied Sciences. Der Bericht vom 17. September sagt: „Fertiggestellt wurde die Kantonsschule im August 2026.”
Zunächst: was das Gebäude ist. Gunz & Künzle Architekt*innen aus Zürich (Michael Künzle, Thomas Weber, Mathias Gunz) gewannen den offenen Wettbewerb mit CÉLESTE. 52 Projekte, am 10. Juni 2021 einstimmig gewählt unter Michael Fischers Vorsitz. Die Schule hat keine Korridore. Räume versammeln sich um eine zentrale Halle unter Glasdach – drei Terrassenstufen, zwei Wendeltreppen, 800 m² Mehrzweckterrasse. Klassenzimmer säumen die Fassaden, nehmen Fremdlicht durch Oberlichter aus der Halle. Es ist das Oberlichtzentrum des Bauhaus Haus am Horn, in Kantonsschulgrösse.
Ein Skelett, das seine Geschosse an Stein hängt
Der Bau hat drei Holzgeschosse, über einem Flügel ein akustisch entkoppeltes Musikdachgeschoss. Er steht auf Betonkeller auf Pfählen, vier Betontreppentürme sind das Rückgrat. Die verantwortlichen Holzingenieure, SJB Kempter Fitze, beschreiben es in einem Satz: „Rippendecken aus CLT-Platten [werden] horizontal an Massivbaukerne gehängt.” Das System, heisst es, „ermöglicht eine hohe Vorfertigung, verkürzt die Bauzeit und sorgt für eine wirtschaftliche Montage.” Ingeni AG (Francesco Snozzi, Lorenzo Moresi) hat die Tragwerksplanung im Wettbewerbsverfahren gemacht.
Die Methodengeschichte ist mein Lieblingsteil. Blumer Lehmann aus Gossau leitete die Gebäudehülle als Teil-Generalunternehmer (Teil-GU) in einer ARGE mit S. Müller Holzbau aus Wil, Abderhalden Holzbau aus Wattwil und Bleiker Holzbau aus Lichtensteig. Die ARGE schlug Holz anstelle der geplanten Betongeschosse vor. Bei Blumer Lehmann hiess das: kürzere Bauzeit, einfachere Montage, geringere Lasten. Der BFH-Bericht dokumentiert die Arbeitsteilung: S. Müller baute die Decken, Abderhalden und Bleiker die Aussenwände, Blumer Lehmann die Innenwände und Fassadenelemente. Diese Zimmerleute und die Förster, die das Holz im Winter 2024/25 schlugen – ihnen verdankt dieses Gebäude seinen Körper.
Die BFH zählt etwa 3000 Festmeter Toggenburger Rohholz früh gekauft und 3623 m³ Holz eingebaut. Die Ewoks von Endor bauten ihr Dorf aus dem Wald, in dem sie lebten. Dieses Tal tat dasselbe mit einer Baubewilligung, für seine eigenen Schüler. Aushub begann am 2. September 2024, weniger als zwei Jahre später war die Schule offen. Es kostete CHF 73,5 Mio. für etwa 14000 m², und die Schulblatt meldet gerade die SNBS-Platin-Zertifizierung.
Der Kompromiss ist einfach. Die Schule war für 720 Schüler geplant, etwa 830 sind für 2026/27 angemeldet, also ist sie am ersten Tag voll. Ein an vier feste Kerne gebundenes Skelett ist einfach vorzufertigen, aber schwer zu erweitern.
←HEUTE: Eine Kantonsschule eröffnet 2026 auf CLT-Rippendecken an vier Betonkernen, aus Talholz gebaut.
→3012: In Zürich 3012 trägt jedes Gebäude die Spur seines Waldes – ein Strich entfernt.
Drehpunkt: Ein Holzgeschoss ist nur regional, wenn der Vertrag Baumeistern, die den Wald kennen, Vorschläge erlaubt.
Bauspürsinn: Jede Wasser-, Strom- und Lüftungsleitung in dieser Schule verläuft offen über Holzwände und -decken. Nichts ist vor den Wartungsleuten verborgen. Ein 25-Jähriger Techniker kann einen Fehler mit dem Auge verfolgen, und das schätze ich höher als jeden Sensor, den ich besitze.
Atelier: Ein Büro, das ein öffentliches Holzgebäude ausschreibt, muss entscheiden: Ist das Tragwerk in Zeichnungen festgelegt oder offen für Alternativen? Wattwil zeigt, dass die, die den Wald kennen, den besseren Boden sehen. Montag-Aufgabe: Schreib in deine nächste Ausschreibung eine Klausel, die Unternehmervarianten zum Deckensystem einfordert – mit Frist zur Prüfung durch den Ingenieur.
Trick: Schätze den Kohlenstoff in Wattwils 3623 m³ Holz, bevor dir jemand eine Zahl nennt. Nutze die vereinfachte EN-16449-Methode: Volumen × Dichte × Kohlenstoffanteil × CO₂/C-Massenverhältnis. 470 kg/m³ für Fichte und Tanne ist eine Annahme – ersetze sie mit dem Lieferer-Wert.
V, rho = 3623, 470 # m3 eingebaut (BFH); kg/m3 angenommen
co2 = V * rho * 0.5 * 44 / 12 # EN 16449: Kohlenstoffanteil × CO₂/C
print(round(co2 / 1000), "t CO2 gebunden") # ~3122
print(round(co2 / 14000), "kg CO2 pro m2 GF") # ~223Das ist gebundener Kohlenstoff, nicht ersparter. Er bleibt gebunden, solange das Holz in Einsatz ist.
PAZ hat einen Schwesterbau von der gleichen Zeit dokumentiert: Kantonsschule Stadelhofens Dübendorf-Module, auch von Blumer Lehmann. Dübendorf ist zum Zerlegen geplant, Wattwil zum Bleiben. Lies beide nebeneinander. Öffne dann dein aktuelles Holzprojekt und notier, wer auf Bauseite einen besseren Boden vorschlagen darf.
PAZ Kaffi · interdisziplinäre Redaktionsarbeit, geleitet von der PAZ Academy