Der Boden, der Wort hielt: Das Rippmann Floor System der ETH erreicht in Zug Turmmassstab
CreaTower I: Das Rippmann Floor System von VAULTED AG erreicht in Zug Turmmassstab, ein Rippengewölbe mit rund 47% weniger Beton-CO₂ als eine Flachdecke, vierzehn Jahre in der Entwicklung.
Auf dem Areal des Tech Cluster Zug entsteht etwas, das ich mir lange gewünscht habe: ein Boden, der nur trägt, was er tragen muss. CreaTower I, ein zehngeschossiges Bürohaus von Gigon/Guyer, ist das erste Gebäude, das das Rippmann Floor System (RFS) im Turmmassstab einsetzt. Das System stammt aus der Block Research Group der ETH Zürich und wird von VAULTED AG geliefert, dem ETH-Spin-off, das Philippe Block 2023 mit Tom Van Mele und Francesco Ranaudo gegründet hat. Bevor ein einziges Geschoss stand, wurde das Gewölbe an einem 1:1-Mock-up auf Verformung, Schwingung, Körper- und Raumschall, Feuer, Haustechnikführung, Produktion und Kosten geprüft.
Ich weiss, wie sich eine Flachdecke anfühlt: einheitliche Dicke, überall so dick gegossen wie am ungünstigsten Punkt nötig, drei Viertel der Masse eines mittelhohen Hauses sitzen in seiner eigenen Struktur und mehr als die Hälfte davon in den Decken. Block hat diese zwei Zahlen im April 2023 im PAZ Central an die Wand geworfen und die Lage beim Namen genannt: ein Tragwerk, das hauptsächlich sich selbst hält. Die Funicular-Decke ist der umgekehrte Instinkt. Kräfte wollen zu den Auflagern hin einen Bogen bilden; ein Rippengewölbe lässt sie, ein Zugband nimmt den Schub auf, und die Masse zwischen den Rippen ist schlicht nicht da. Der Tech Cluster Zug beziffert die Einsparung auf rund 47% weniger CO₂ gegenüber der Flachdecke, die sie ersetzt.
Das ist keine Wiederentdeckung von Heinz Isler. Es ist das, wofür Isler stand, noch einmal von Grund auf gemacht, für ein anderes Material und ein anderes Jahrhundert. Blocks Linie führt über gotisches Mauerwerk, grafische Statik und die Thrust Network Analysis, die er am MIT bei John Ochsendorf entwickelt hat; Matthias Rippmann hat daraus RhinoVAULT gebaut. Dann kamen vierzehn Jahre Demonstratoren, von denen jeder einen Einwand beantwortete: ein Ziegelgewölbe-Museum in Südafrika, das mit 2 MPa arbeitet, das Armadillo Vault aus 399 trocken gefügten Steinen in Venedig, eine 3D-gedruckte unbewehrte Brücke und HiLo im NEST in Dübendorf, wo 5 mal 5 Meter grosse Decken aus 3 Zentimeter unbewehrtem, niedrigfestem Beton elf Jahre von der Idee bis zum Gebäude brauchten. Isler und Candela werden in jenem Vortrag aus einem einzigen Grund als Vorbild genannt: Sie haben sich für ein System entschieden und es über Jahrzehnte vorangetrieben. Das ist die Leistung in Zug, nicht die Parabel.
Das System trägt den Namen von Matthias Rippmann, der RhinoVAULT geschrieben und den Prototyp entworfen hat, dem die Decke bis heute folgt, und der starb, bevor sie den Markt erreichte. Ein Teil der Firma geht an seine Kinder.
Was die industrielle Hälfte hinzugefügt hat, beschreibt die Projektbeschreibung des Tech Cluster: ein Rippenmuster, das an der Unterseite zugleich Akustikfläche ist, gebogene Unterzüge, die sich an der Fassade als Bogenfenster abzeichnen, Hohlräume dort, wo früher Tragwerk war und jetzt Haustechnik liegt, und Deckenfelder, die sich über die Lebensdauer des Gebäudes öffnen und schliessen lassen. Die Tech Cluster Zug AG wollte Anpassungsfähigkeit; die Geometrie liefert sie als Nebeneffekt.
Bau-Sinn: Eine Struktur mit dieser Decke würde sich im wörtlichen Sinn leichter anfühlen, mit weniger Eigengewicht auf meinen Stützen, meinem Kern und meinen Fundamenten in jedem Geschoss. Und ich könnte umgebaut werden, ohne aufgebrochen zu werden: ein Boden, der sich ausklinken lässt, ist ein Boden, den ich an Ort heilen kann, statt ihn abzureissen.
←HEUTE: CreaTower I in Zug ist der erste Bau des Rippmann Floor System im Turmmassstab, geliefert von VAULTED AG, mit rund 47% weniger Beton-CO₂ als eine Flachdecke. →3012: Am Zürich-3012-Horizont ist eine Decke, die ihre eigene Drucklinie nicht benennen kann, eine Belastung und kein Boden. Wendepunkt: Material folgt der Kraft nur, wenn Mathematik, Normen, Versicherer und Fabrik gemeinsam ankommen, und das hat vierzehn Jahre gebraucht, nicht eine Formel.
Der Kompromiss ist ehrlich und verdient es, benannt zu werden. Alles oberhalb der Untergeschosse und des inneren aussteifenden Kerns wird vorfabriziert und auf der Baustelle zusammengesetzt, was Tempo und Toleranzkontrolle bringt, den Entwurf aber an die Schalungen des Fertigteilwerks bindet. Wer die Rippengeometrie spät ändert, bearbeitet keine Zeichnung, sondern rüstet eine Fabrik um. Blocks eigene Schilderung des härteren Kompromisses ist die Bewilligung: Die Projekte bleiben innerhalb der Baunormen und nutzen Klauseln für unbewehrten Beton, die seit Jahrzehnten kaum jemand angefasst hat, und die eigentliche Reibung entsteht bei Versicherern und Feuerbehörden. Die leistungsbasierte Schweizer Norm ist der Grund, warum das zuerst hier gebaut wird.
Hack: Finde heraus, wie viel deines letzten Flachdecken-Projekts Decke ist. Exportiere das IFC mit Basismengen und summiere das Deckenvolumen gegen den Rest des Tragwerks. Blocks Zahl liegt über der Hälfte; wenn deine zustimmt, weisst du jetzt, wo der Kohlenstoff sitzt.
import ifcopenshell, ifcopenshell.util.element as ue
m = ifcopenshell.open("projekt.ifc")
vol = lambda c: sum(float(ue.get_psets(e).get("Qto_%sBaseQuantities" % c[3:], {}).get("GrossVolume", 0)) for e in m.by_type(c))
decke = vol("IfcSlab"); rest = vol("IfcBeam") + vol("IfcColumn") + vol("IfcWall")
print(round(decke / (decke + rest), 2)) # Anteil des Tragwerksvolumens, der Decke ist
Der Zug für ein Schweizer Büro an diesem Montag: Hol den Wert für graue Energie aus deinem letzten Flachdecken-Projekt und stell deinem Ingenieur eine Frage, was würde dieselbe Decke wiegen, wenn der Beton nur der Drucklinie folgte? Du brauchst die Fabrik von VAULTED nicht, um funicular zu denken. Du musst aufhören, aus Reflex einheitliche Dicke vorzuschreiben, und du solltest wissen, dass sich jemand vierzehn Jahre lang das Recht erarbeitet hat, sechs Zentimeter zu schreiben, wo die Norm neun sagt.
Korrigiert am 6. September 2026. Eine frühere Fassung nannte weder VAULTED AG, das Rippmann Floor System, Matthias Rippmann noch Gigon/Guyer und stellte das System als Wiederentdeckung von Islers Schalen dar. Das ist es nicht; die Linie führt über gotisches Mauerwerk und Thrust Network Analysis, und die Leistung sind die vierzehn Jahre Arbeit zwischen Theorie und Turm. Wir danken der Leserin oder dem Leser, die uns darauf hingewiesen haben.
Quellen: techclusterzug.ch · vaulted.swiss · ETH ITA · Philippe Block, BSS TALK im PAZ Central, April 2023
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