Drei Fluchtpunkte über Nantes: Utopiales 2026 – der Plan ist politisch
Utopiales 2026 in Nantes zeigt Léa Murawiec, Superstudio und Miel Vandepitte. Warum jede Perspektive, die Architekten zeichnen, für einen Plan argumentiert.
Léa Murawiec’s Plakat für Les Utopiales 2026 zeigt Nantes aus drei Fluchtpunkten gleichzeitig. «Je me suis donné le défi de mélanger trois points de fuite», sagt sie auf der Festivalseite: Ich setzte mir die Aufgabe, drei Fluchtpunkte zu vermischen. Die 27. Auflage öffnete am Donnerstag, 29. Oktober in der Cité des Congrès de Nantes und läuft bis 1. November unter einem Thema: Perspectives; ein Tagesticket kostet EUR 15. Wessen Auge sitzt an jedem dieser drei Punkte?
Die Festivalnotiz antwortet in unserer Sprache. «La ville et l’architecture sont des personnages à part entière», heisst es und verweist auf Tsutomu Nihei’s Blame!: Stadt und Architektur sind Charaktere in ihrem eigenen Recht. Im Unterthema Plan wird es schärfer: «Le plan est fondamentalement politique.» Der Plan ist grundlegend politisch. Drei Räume inszenieren diesen Satz.
Raum eins: die Fassade als Register
Murawiec’s Le Grand Vide (Éditions 2024, 2021, 204 Seiten) gewann den Prix du public in Angoulême 2022. Die englische Ausgabe The Great Beyond, übersetzt von Aleshia Jensen für Drawn & Quarterly, erhielt 2024 den Ignatz Award für Promising New Talent. In ihrer Stadt halten Aufmerksamkeit Menschen am Leben, die Vergessenen verblassen. Benjamin Roure von BoDoï sagt es knapp: «si on vous oublie, vous mourrez» – wenn man Sie vergisst, sterben Sie. Laut Leonard Pierce im Comics Journal ist die Silhouette «Hochgebäude, übersät mit gestalteten Namen» – Werbung für Menschen, nicht Produkte. Was verzeichnet eine Fassade, wenn sie aufhört Schutz zu sein und zum Verzeichnis der Erinnerung wird? Es ist die Gedächtnis-Frage in gebauter Form.
Raum zwei: der kürzeste Plan, der je gezeichnet wurde
Raum zwei, kuratiert von Kunsthistoriker Aurélien Vernant, zeigt Superstudio aus dem Frac Centre-Val de Loire in Orléans – 60 Jahre nach der Gründung der Gruppe 1966 in Florenz. Adolfo Natalini und Cristiano Toraldo di Francia gründeten sie mit Gian Piero Frassinelli, Roberto und Alessandro Magris sowie Alessandro Poli. Das Continuous Monument von 1969 reduziert einen Plan auf eine einzige Geste, ein Raster über die Welt gelegt. Ein so reduzierter Plan zeigt, was jeder Plan tut. Natalini formulierte 1971 die Einsätze: «Wenn Architektur bloss die Kodifizierung des bürgerlichen Modells von Eigentum und Gesellschaft ist, müssen wir Architektur ablehnen.» Das Frac wurde 1983 gegründet und verwahrt 23.000 Objekte, darunter über 16.000 Zeichnungen und etwa 900 Modelle experimenteller Architektur. Dieses Archiv wird am Leben erhalten durch Registrare und Konservatorinnen, deren Namen nie an einer Wandtafel stehen, und sie sind der Grund dafür, dass eine Collage von 1969 noch mit uns argumentieren kann.
Raum drei: der Schnitt als Diagnose
Miel Vandepitte, geboren 1998 und ausgebildet an der LUCA School of Arts, zeichnet Städte, die im Schnitt krank sind. In Centralia sind die Untergrund «dévorés par le feu» – von Feuer aufgefressen. Dystopolis ist «la dernière cité terrienne encore viable» – die letzte lebensfähige Stadt auf der Erde, und ihre unteren Bezirke dienen als Müllplatz. Lies es wie einen architektonischen Schnitt. Der Schnitt zeigt dir, wer wo lebt und wer das Gewicht der Stockwerke über sich trägt.
←HEUTE: 2026 kostet eine Dreipunkt-Perspektive einen Kameraschwenk in der Rhino-Ansicht. →3012: In Zürich-3012 wird jede Ansicht mit dem Plan verschickt, aus dem sie gezeichnet wurde, lesbar für alle, die sie darstellt. Angelpunkt: Die Zeichnung wurde frei, der Plan dahinter nie.
Eine Perspektive ist ein Blickpunkt mit einem Plan dahinter, und der Plan ist, wo das Argument wohnt. Der Austausch ist klar: die Kamerahebung, die einen Turm heroisch macht, drängt auch Strasse und Menschen darauf aus dem Bildfeld.
Atelier: Büros zeichnen heute Wettbewerbsansichten schneller, als sie formulieren können, wofür jede Ansicht argumentiert, und mit KI-Renderern kommt das Bild oft vor der Position an. Montags-Zug: Fügen Sie eine obligatorische Zeile zu Ihrer Wettbewerbs-Renderliste hinzu. Unter jeder Perspektive notieren Sie einen Satz, der benennt, wessen Augenhöhe sie bedient und was der Plan dahinter dem Erdgeschoss verspricht.
Hack: Speichern Sie eine geneigte Dreipunkt-Kamera Ihres aktuellen Rhino-Modells als benannte Ansicht, so dass das Argument eine Adresse hat. Das Script wechselt das Ansichtsfenster zur Perspektivprojektion und positioniert die Kamera auf 1,7 m Augenhöhe. Dann zielt es die Kamera 40 m nach oben, was die Vertikalen auf einem dritten Fluchtpunkt konvergieren lässt. Führen Sie es im Python-Editor von Rhino 8 aus und stellen Sie es aus Named Views wieder her, wenn sich der Plan ändert.
import rhinoscriptsyntax as rs
v = rs.CurrentView()
rs.ViewProjection(v, 2)
rs.ViewCameraTarget(v, (0, -60, 1.7), (0, 0, 40))
rs.AddNamedView("plan-argues-for", v)Die Schweizer Adresse ist nah. Das Maison d’Ailleurs in Yverdon-les-Bains zeigt «Inside Peeters», gewidmet dem Genfer Künstler Frederik Peeters, bis 3. Januar 2027. In Nantes eröffnete Festivalpräsident Roland Lehoucq, ein Astrophysiker, mit «Dépasser les apparences» – erinnerte daran, dass Galileos Linse unsere Perspektive veränderte. Neigen Sie Ihre Kamera, dann schreiben Sie auf, welchen Plan diese Ansicht verteidigt.
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