13 500 m² programmierte Ambiguität: Was Babel Community über Coliving im Massstab lehrt
Das 13 524 m² Babel Community von D'HOUNDT+BAJART offenbart die regulatorische Lücke, die europäische Coliving-Architekten jetzt lösen müssen.

Wenn die Typologie selbst zum Auftrag wird
Ein 13 524 m² grosses Coliving-Objekt, das 2025 in Villeneuve-d’Ascq fertiggestellt wurde — Vorstadt von Lille, Métropole Européenne de Lille — klingt zunächst unkompliziert, bis ArchDaily es gleichzeitig unter beide Gastronomiearchitektur und Wohnarchitektur klassifiziert. Dieses duale Tag ist keine redaktionelle Schlamperei. Es ist ein Systemsignal, das entpackt werden muss.
Das Projekt ist The Babel Community, entworfen von der in Lille ansässigen D’HOUNDT+BAJART Architectes & associés (Leitarchitekten Vincent D’Houndt und Bertrand Bajart, Entwurfsteam Nicolas Questroy und Nathan Exposito) für den französischen Coliving-Betreiber gleichen Namens. Tragwerksplanung: ABAC. MEP: ETC. Umweltnachhaltigkeit: MODUO und auddicé. Fassade: EQUITONE-Faserzementplatten — belgischer Ursprung, Eternit-Gruppe, ein Fassadensystem, das jeder Schweizer Minergie-Fachmann unmittelbar erkennt.
←TODAY: Europäische Coliving-Betreiber beauftragen Institutionalskala-Neubauten — 13 500 m², zweckgebaut, 2025 — nicht Studentenwohnheim-Umnutzungen.
→3012: Der Zurich-3012-Horizont nimmt an, dass Wohnkategorien fluide sind — Infrastruktur, reklassifiziert beim Mietvertrag, nicht bei der Bewilligung.
Fulcrum: Die Lücke zwischen heutiger regulatorischer Binärität (Wohnen ODER Gastro) und morgiger Reklassifizierung ist exakt dort, wo Architekten die nächste Dekade Wohnungsarbeit verlieren — oder gewinnen.
Das System hinter dem Signal
Coliving entstand nach 2015 in Europa als Reaktion auf drei konvergierende Drücke: urbane Wohnungsaffordabilität, Nachfrage nach flexiblen Mietverträgen und Remote-Work-Umstrukturierung des Alltags. Betreiber wie The Babel Community, Colonies und Cohabs zogen schnell; Baugesetze zogen langsam. Frankreich entwickelt aktiv einen eigenen Rechtsrahmen für Coliving — getrennt von Miteigentums-Reglementierungen und Studentenwohnheim-Vorschriften — und Babels Fertigstellung 2025 landet genau in diesem noch ungeklärten Legislativfenster.
Villeneuve-d’Ascq ist keine zufällige Wahl. Es ist eine geplante Neustadt aus den 1970ern, gebaut rund um den Campus der Université de Lille und grössere Technologieparks, mit einer demografischen Basis junger Fachkräfte und Studierender — der exakte Markt, den Coliving-Betreiber ansprechen. Die Métropole Européenne de Lille zieht auch teilweise EU-Kohäsionsmittel für post-industrielle Regeneration, was Landverfügbarkeit und Bewilligungsfristen auf Weise prägt, die Greenfield-Vorortgelände in der Schweiz oder Deutschland nicht replizieren.
Bei 13 524 m² ist dies keine kleine Umnutzung. Es ist ein Neubau im Institutionalmassstab — ein Auftrag, der ein BIM-Team braucht, um Wohneinheits-Mix-Programmierung, Gemeinschafts-Amenity-Zonierung und akustische Trennung über ein Gebäude zu lösen, das gleichzeitig Hotel-Serviceansprüche und Wohnstandards erfüllen muss. Ein anspruchsvoller Auftrag. Dass D’HOUNDT+BAJART von Anfang an spezialisierte Nachhaltigkeitsberater engagierte (MODUO, auddicé), spiegelt wider, was SIA-112-Leser integrierter Planung erkennen: Umweltleistung lässt sich nicht am Ende an ein komplexes Mischnutzungs-Programm ankleben.
Diese Woche auf deinem Schreibtisch
Die duale Typologie-Klassifizierung schafft ein konkretes regulatorisches Problem für Schweizer Architekten bei Nutzungsänderungen unter kantonalen Codes. Brandschutzabschnitte, Barrierefreiheitsstandards und Energieleistungs-Anforderungen divergieren, je nachdem ob ein Geschoss als Wohnen oder Gastro klassifiziert wird. Wenn ein Gebäude funktional beides ist — Gemeinschaftsküchen und Lounges wie Hotel-Amenities, private Zimmer wie Wohnungen vermietet — ist der Compliance-Weg unklar. Das Risiko: Entwurfsteams wählen die liberalere Klassifizierung, und das Gebäude scheitert dann an Betriebserwartungen oder Versicherungsdeckung, wenn der andere Standard geltend gemacht wird.
Die Material-Spezifikationsliste bietet eine sekundäre Lesart. EQUITONE-Vorhangfassaden-Paneele, Knauf-Trockenbau, Florim-Fliesen, Hoyez-Fenster: das sind keine Boutique-Wahlen. Das ist eine industrialisierte, kostengesicherte Palette eines Entwickler-Betreibers, der wiederholbare Leistung über mehrere Standorte braucht. Knauf und Florim haben starke Schweizer Marktpräsenz; das Datenblatt funktioniert hier fast als Beschaffungs-Vorlage für die nächste Babel-Gebäude — oder für einen Schweizer Betreiber, der beobachtet, wie das französische Modell skaliert.
Atelier: Wenn dein Büro frühe Anfragen für Coliving oder Coliving-verwandte Aufträge entgegennimmt — und in Zürich, Basel und Genf solltest du sie erwarten — beginne die BIM-Planung mit der Typologiefrage explizit als Teil deiner level-of-information needs (LOIN) Matrix. Definiere früh, ob Gemeinschafts-Amenity-Zonen in deinem kantonalen Modell Wohn- oder Gastro-Klassifizierung haben; die nachgelagerten Brandzonen- und Barrierefreiheits-Vorgaben hängen davon ab.
Das Babel-Community-Projekt, wie auf ArchDaily und mit Hersteller-Credits dokumentiert, gibt uns das Grundgerippe eines Systems, aber nicht die volle Geschichte — Wohneinheitsanzahl, Kosten pro m² und HQE- oder BREEAM-Zertifizierungsziele sind noch nicht veröffentlicht. Diese Lücke ist selbst informativ: Entwickler-Betreiber-Marke und Gebäude teilen eine Identität (beide Babel Community), aber die Programmdaten bleiben vertraulich. Beobachte die nächste Ankündigung des Betreibers; die wiederholbare Spezifikations-Palette lässt mehr erwarten.
Beschaff dir das EQUITONE-Technische Datenblatt und vergleiche es mit deinen aktuellen Fassaden-U-Wert-Zielen. Dann frag dein Team: würde dieser Auftrag morgen landen, unter welcher kantonalen Nutzungsklassifizierung würdest du ihn einreichen, und warum?
QUELLE · ↗