Dem Berg den Druck nehmen: Brienz/Brinzauls' 2023er Drainagewette, rückblickend 2026
Graubünden entwässerte 2023 den Berg unter Brienz/Brinzauls mit CHF 39,8 Mio. Ergebnis Mai 2026: Rutschung unter 5 cm pro Jahr. Lehrstück für Bauplaner.
„Wir nehmen dem Gebirge damit den Druck weg.” – Sepp Kurath, Projektleiter des Drainagetunnels unter Brienz/Brinzauls im Albulatal, beschrieb die Arbeit zum SRF im Mai 2026. Die Physik ist hundert Jahre alt. Karl Terzaghis Prinzip der effektiven Spannung sagt: Geklüftetes Gestein hält durch Körner-zu-Körner-Reibung zusammen, Wasserdruck in den Poren drückt die Körner auseinander. Senke den Wasserdruck, und die gleiche Böschung greift besser. Graubünden setzte CHF 39,8 Mio. darauf, diese Idee im Massstab eines Dorfes zu testen.
Dies ist eine ältere Geschichte, jetzt rückblickend gelesen. Entscheidungen: 17. August 2023 und 12. November 2024. Daten: Februar bis Juli 2026, neueste Messung Mai 2026.
Die 2023er Wette
Am 17. August 2023 genehmigte die Regierung Graubünden einen Drainagetunnel von über 2 km Länge, der die bestehende Erkundungsstollen unter der Rutschung verlängerte. Anrechenbare Kosten: CHF 39,8 Mio., davon 90 % von Bund und Kanton getragen. Das Ziel war präzise: die «Dorf»-Rutschung unter 10 cm pro Jahr. Die Mitteilung des Kantons sagte auch: Wirksamkeit und Reichweite seien unsicher, es gebe keine vergleichbare Alternative. Ein öffentlicher Auftraggeber nannte die Summe, nannte den Zweifel, baute trotzdem. Diese Ehrlichkeit ist das Vorbild.
Der 2024er Test
Der Berg wartete nicht auf den Tunnel. Der Kanton meldete: Das Dorf rutschte im Herbst 2024 knapp unter 250 cm pro Jahr. Am 12. November 2024 folgte die vorsorgliche Evakuierung, der Tunnelbau ging «mit Hochdruck» weiter, um Häuser, die RhB-Albula-Linie, die Albula- und Julierstrasse und Stromleitungen zu schützen. Die 92 Bewohner waren 62 Wochen fort, bis die Evakuierung am 26. Januar 2026 aufgehoben wurde.
Die 2026er Messung
Das SRF meldete am 6. Februar 2026, dass die Rutschung im Dezember auf 10–25 cm pro Jahr abgenommen war, der tiefste Stand seit 15 Jahren, und nur etwa ein Viertel der Bohrungen waren fertig. Geologe Reto Thöny sagte, dass in der Team-Einschätzung Evakuierungen in den nächsten Jahren «wenig wahrscheinlich bis unwahrscheinlich» seien. Am 14. April zählte die Gemeinde 20 horizontale und 13 aufwärts gerichtete Bohrungen, die etwa 1’100 l/min entwässerten; die Wasserspiegel in den Kontrollbohrungen sanken etwa 6 m pro Monat.
Am 12. Mai meldete die Nachrichtenagentur sda eine Rutschungsrate unter 5 cm pro Jahr, mit einigen Messpunkten unbewegt seit März, und 49 Bewohner zurück in ihre Häuser. Geologe Daniel Figi sagte, die Daten zeigen gute Chancen, die Rutschung langfristig signifikant zu reduzieren. Der Tunnel war dann zu etwa 80 % gebaut. Jeder Sprengvortrieb bedeutet 56 Bohrlöcher, etwa 120 kg Sprengstoff und knapp über 3 m Vortrieb. Die Sprengmeister, die diesen Rhythmus wiederholen, sind jene, auf denen dieses Resultat ruht – und fast niemand kennt ihre Namen.
←HEUTE: Seit Mai 2026 hatte ein halb gebauter Tunnel die Rutschung um einen Faktor von etwa fünfzig reduziert, von rund 250 cm auf unter 5 cm pro Jahr.
→3012: Zürich-3012 behandelt Grundwasser wie wir heute Säulen, als gezeichnete und unterhaltene Lastabtragung.
Drehpunkt: Wasser ist eine Last; Böschungen werden wie Fundamente bemessen.
Was bleibt offen
Das Dorf bleibt in der roten Zone. Bürgermeister Daniel Albertin sagt, 5 bis 10 weitere Jahre Beobachtung seien nötig, bevor sich das ändern könnte, und RhB-Züge fahren immer noch mit 30 km/h. Kurath erneut: «Es bleibt eine Aufgabe für kommende Generationen». Albula/Alvra genehmigte CHF 82,56 Mio. brutto am 10. Juli 2026, mit 41 Stimmen zu 3, für die Haushalte, die weggehen wollen. 42 Anträge liegen vor. Zehn Einsprachen, hauptsächlich wegen der Pauschale, sind beim Kanton. Bleiben und Gehen sind beide verständige Antworten auf denselben Berg. Der Kompromiss ist klar: Entwässerung kauft Zeit, nur so lange wie jemand die Bohrungen sauber hält und die Daten fliessen. Wie PAZ über die Mattertal-Linie argumentierte, ist ein Schutzwerk kein fertiges Projekt, sondern ein Betrieb (unser Mattertal-Text).
Atelier: Schweizer Baupläne zeigen Höhenlinien und Grenzen, aber nicht das Wasser darunter. Wenn alpine Permafrostzonen und Niederschlagsmuster sich verschieben, gehört der hydrogeologische Bericht ins erste Treffen, nicht in einen Anhang. Montagsaufgabe: Ergänze eine «Grundwasser»-Schicht in deiner Bauplan-Vorlage mit Fliessrichtung, Auslässen und dem Träger der Entwässerung.
Hack: Ein Wasserspiegelabfall ist Druckentlastung. Jede Senkung um einen Meter reduziert den Porendruck um etwa 9,81 kPa, und diese Entlastung ist mehr Reibungsfestigkeit für die Böschung. Hier in GhPython oder pure Python:
gamma_w = 9.81 # kN/m3, unit weight of water
for dh in (1, 6, 12): # metres of head lowered
du = gamma_w * dh # kPa removed from the pores
print(dh, "m ->", round(du), "kPa more effective stress")Die 6-m-Zeile ist Brienz’ monatliche Zahl aus April 2026. Bevor dein nächster Bauplan das Büro verlässt, finde heraus, wohin das Grundwasser fliesst und wer es entwässert.
PAZ Kaffi · interdisziplinäre Redaktionsarbeit, geleitet von der PAZ Academy