Die Shude-Bibliothek: 379 m² und der Preis fehlender Bestandspläne
Modum Ateliers 379-m²-Bibliothekssanierung in Chengdu zeigt, wie man ohne Baudokumentation plant – und was Fachleute im DACH-Raum lernen können.

Wenn Baudokumentation fehlt – und man trotzdem bauen muss
Modum Atelier hat die Bibliothek der Chengdu Shude Experimental Middle School 2025 auf 379 m² rekonfiguriert. Klingt wie eine bescheidene Sanierung. Systemisch ist es ein Lehrfall: Das Gebäude stammt aus den 1970er–80er Jahren, hat mehrere Sanierungszyklen und Besitzerwechsel überlebt und verfügt über keine zuverlässigen Baudokumentationen. Der Originalentwurf ist nicht mehr rekonstruierbar. Dennoch fordert die Schule nun: Lesebereiche, Besprechungsräume, flexibler Unterricht, Lehrerarbeitsplätze, Ausstellungen – alles innerhalb eines einzigen orthogonalen Rasters.
Das ist keine Ausnahme. Es ist der Normalzustand des weltweiten Schulgebäudebestands.
←HEUTE: Tausende Schulgebäude aus den 1970er Jahren werden in Europa saniert – oft ohne zuverlässige Bestandspläne im BIM-Format.
→3012: Im Zürich-3012-Horizont sind Gebäude lebendige Datensysteme; jede Schicht hinterlässt eine verifizierte Spur im digitalen Zwilling.
Fulcrum: Der Unterschied zwischen heute und 3012 ist keine Technologie – es ist die Disziplin, Daten zu generieren, bevor man baut.
Das Systemproblem: orthogonales Raster, polyvalente Anforderungen
Modum Atelier – Leadarchitekten Zhou Ruizhe und Yang Junbo – nennen ihren Ansatz «Generierung eines strategischen Prototyps». Der Begriff ist präziser, als er zunächst klingt. Ohne ein zuverlässiges Bestandsmodell können Sie nicht optimieren – Sie können nur prototypisch arbeiten: Annahmen treffen, Installationen reversibel halten, Flexibilität strukturell verankern. Das ist kein Designstil; es ist eine epistemologische Notwendigkeit.
Fünf Nutzungen – Lesen, Besprechungen, flexibler Unterricht, Lehrerprep, Ausstellungen – in ein einziges orthogonales Raster zu integrieren, ist ein klassisches Multi-Constraint-Problem. Wer das in BIM modelliert, kennt den Knackpunkt: Jede Nutzung verlangt unterschiedliche Anforderungen an Akustik, Beleuchtung und Ausstattung. Ohne ein vorhandenes Gebäudemodell fehlt Ihnen die Basislinie für jede dieser Simulationen. Nach einem 2023er-Bericht von buildingSMART International verfügen mehr als 60 % der Sanierungsprojekte weltweit über keine zuverlässigen digitalen Gebäudedaten – die Shude-Bibliothek ist somit repräsentativer als aussergewöhnlich.
Die Haustechnik wurde von Chengdu Tianzhongcheng Information Technology Co., Ltd. geplant – ein Signal, dass die Schnittstelle zwischen Architektur und Technologie bewusst digital war, während das Basismaterial analog blieb.
Was das am Planungstisch bedeutet
Für BIM-Koordinatoren und Planerinnen in der DACH-Region lässt sich die Lektion direkt übertragen. Wer ein Schulgebäude, Bürogebäude oder eine Industriehalle aus den 1980er Jahren saniert, steht vor der gleichen Frage: Wo ist der Bestandsplan? Die Antwort ist oft: nirgends, oder in einem Format, das kein aktuelles Werkzeug lesen kann.
Der Instinkt, sofort mit Laserscanning zu beginnen (z. B. Leica RTC360 oder Faro Focus), ist richtig. Aber Scanning allein löst das Systemproblem nicht. Die Punktwolke muss in ein semantisch angereichertes BIM-Modell umgewandelt werden – mit Materialspezifikationen, Schichtaufbau, konstruktiven Annahmen. Werkzeuge wie Autodesk Revit mit Scan-to-BIM-Plugins oder das Open-Source-Framework IfcOpenShell können diesen Übergang strukturieren. Es kostet Zeit am Anfang; Sie werden sie in der Mitte des Projekts nicht vermissen.
Die zweite Lektion aus Shude: Polyvalenz muss räumlich und technisch vorbereitet sein. Flexible Nutzung ist keine Lizenz für verschwommene Grundrisse – es ist höhere Planungsanstrengung, nicht geringere.
Atelier:Im PAZ-Kontext, etwa in Cohort-Projekten mit Sanierungsaufgaben, lohnt es sich, vor jedem Designschritt einen expliziten «Datenstatus» für das Bestandsgebäude zu definieren: Was ist gemessen? Was ist angenommen? Was ist unbekannt und muss während der Intervention physisch verifiziert werden? Dieses einfache Drei-Spalten-Protokoll – bekannt, angenommen, offen – verhindert, dass Annahmen stillschweigend zu Gewissheiten werden.
Das Projekt von Modum Atelier ist auf ArchDaily dokumentiert, Fotografie von Guowei Liu. Schauen Sie sich die Grundrisse an: Was sie zeigen, ist ebenso aussagekräftig wie das, was sie nicht zeigen.
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