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24 Einheiten, 2632 m²: Was das Igualada-Projekt über die europäische Wohnkrise aussagt
Börse
FRAME · 06:55
20-05-2026

24 Einheiten, 2632 m²: Was das Igualada-Projekt über die europäische Wohnkrise aussagt

4RQ und MBM Arquitectes bauen 24 geförderte Wohneinheiten in Igualada. Was DACH-Architekten von dieser Typologie für Wettbewerbe lernen.

ArchDaily
Photo: ArchDaily

Gemeinschaftsfläche als Systemvoraussetzung

4RQ arquitectura und MBM Arquitectes haben 24 geförderte Wohneinheiten auf 2632 m² in Igualada, Katalonien, fertiggestellt—abgeschlossen 2025, fotografiert von Adrià Goula. Es liest sich wie eine lokale Fussnote. Aber wer den Grundriss als Systemdiagramm liest, sieht etwas Grundlegenderes: eine der wenigen aktuellen europäischen Wohnbautypologien, die Gemeinschaftsfläche nicht als Rest, sondern als Planungsprämisse behandelt.

←HEUTE: Europäische Städte—Wien, Zürich, Barcelona—kämpfen 2026 mit Leerquoten unter 1% im geförderten Segment, während die Baukosten CHF 4500/m² übersteigen.
→3012: Im Zurich-3012-Horizont stellt sich nicht mehr die Frage, ob Gemeinschaftsfläche profitabel ist, sondern welche Governance-Modelle sie im Betrieb lebensfähig halten.
Fulcrum: Die Entscheidung, gemeinsamen Raum als Planungsprämisse und nicht als Kostensparmassnahme zu behandeln, ist keine Designfrage—sie ist eine Systemarchitektur-Entscheidung.

Das Projekt steht in einer katalanischen Mittelstadt mit rund 40’000 Bewohnern—kein Barcelona-Schauobjekt, kein ETH-DFAB-Experiment, sondern eine routinemässige öffentliche Kommission. Genau das macht es instruktiv. Das Wohndesign stammt von Marta Camañes, Oriol Capdevila und Gerard Torrent (4RQ), mit technischem Team Beth Bacardit und Santi Velasco, unter dem Dach des historischen Büros MBM Arquitectes—gegründet von Martorell, Bohigas und Mackay, dem katalanischen Urbanismus-Trio, das die öffentlichen Räume Barcelonas in den 1980er-Jahren geprägt hat. Diese Genealogie ist keine Anekdote: Sie erklärt, warum das Büro Gemeinschaftsfläche als Systemparameter, nicht als Bonus versteht.

Das Systemproblem hinter dem Projekt

Der europäische Nachkriegswohnungsbau stand vor einem klassischen Rückkopplungsproblem: Gemeinschaftsflächen wurden geplant, aber nicht verwaltet—es fehlten Governance, Budget oder Nutzungsmodell. Das Ergebnis war das bekannte Muster: leere Foyers, vernachlässigte Innenhöfe, sozialer Verfall. Was 4RQ und MBM hier anders machen—soweit die Projektbeschreibung und Fotodokumentation zeigen—ist eine Grundriss-Logik, die kollektive Schwellen und Zwischenräume als aktive Zonen programmiert, nicht als Zirkulation.

Das ist systemisch relevant, weil es die Kosten-Nutzen-Rechnung umschreibt: mehr Gemeinschaftsfläche bedeutet in der Kurzfrist höhere Fläche pro Einheit—2632 m² auf 24 Einheiten ergibt rund 110 m² Brutto pro Einheit, was im geförderten Sektor ambitioniert ist. Laut dem European Housing Observatory (2024) liegt der EU-Durchschnitt für Sozialwohnungen bei 70–85 m² Netto pro Einheit; die Brutto-Aufstockung durch Gemeinschaftsfläche entscheidet, ob sich das Modell rechnet.

Für Schweizer und DACH-Praktiker ist der Kontext vertraut: Wohngenossenschaften in Zürich—wie die Genossenschaft Kalkbreite oder Mehr als Wohnen—arbeiten auf einer ähnlichen Prämisse: Gemeinschaftsfläche als Produktionsfaktor, nicht als Rest. Der Unterschied in Igualada ist die Finanzierungsstruktur: öffentliche Ausschreibung, kein Genossenschaftsmodell, aber vergleichbare räumliche Ambition.

Atelier: Planer, die an Wettbewerben für Wohnungsbau in der DACH-Region arbeiten, sollten das Igualada-Projekt als Referenzpunkt nutzen, um Gemeinschaftsflächen in Kostenschätzungen zu rechtfertigen—nicht als Designvorlage, sondern als Systemargument: Gemeinschaftsfläche senkt langfristige Betriebskosten, wenn sie mit einem Nutzungsprogramm geplant ist. Es ist ein Argument, das du vor Auftraggebern und Jurys quantifizieren kannst.

Was das System immer noch nicht löst

Die ehrliche Einschätzung: Ein fertiggestelltes Gebäude beweist noch kein funktionierendes Gemeinschaftsraum-System. Adrià Goulas Fotodokumentation zeigt Architektur, nicht Nutzung. Ob Gemeinschaftsflächen in fünf Jahren noch aktiv sind, hängt von Faktoren ab, die kein Grundriss allein kontrolliert: Gebäudeverwaltungsmodell, Bewohnerzusammensetzung, Unterstützung durch die Stadt. Es ist das klassische Problem—gut entworfen, schlecht betrieben.

Für Praktiker bedeutet das: Das Projekt ist ein gültiger typologischer Baustein, aber kein fertiges Betriebsmodell. Wer es in seine Wettbewerbsbeiträge oder BEP-Struktur integriert, sollte die Governance-Frage explizit ansprechen—am besten im räumlichen Programm selbst, nicht nur in der Betriebsplanung.

Konkreter nächster Schritt: Hole die Projektdaten aus der ArchDaily-Dokumentation (Adrià Goula, 2025), vergleich die Brutto-zu-Netto-Verhältnisse mit dem ETH-Wohnforum-Datensatz zu Schweizer Sozialwohnungen, und bring die Frage—Welcher Anteil an Gemeinschaftsfläche rechtfertigt unser Programm?—in deine nächste Wettbewerbsvorbesprechung.

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